Journalismus 2019

Wohin entwickelt sich der deutsche Journalismus?

Wenn Journalisten aufhören Journalisten zu sein

Eine “deut­sche” Tat auf Mal­lor­ca

Die Berich­te über eine Grup­pen-Ver­ge­wal­ti­gung auf Mal­lor­ca schla­gen hohe Wel­len. Wie zahl­rei­che Agen­tu­ren ver­mel­den, wer­den vier „Deut­sche“ ver­haf­tet. Die Empö­rung im Land ist groß – zumal „Deut­sche“ die Tat began­gen haben sol­len. Die TV-Bil­der offen­ba­ren zwar trotz Weich­zeich­ner vor den Gesich­tern der Ver­haf­te­ten, dass die tat­säch­li­che Her­kunft zumin­dest Fra­gen auf­wer­fen könn­te, doch das stört  Nie­man­den im Länd­le der Dich­ter und Den­ker.

Die Fakten

Die spa­ni­schen Zei­tun­gen „Dario del Mal­lor­ca“ und „Ulti­ma Hora“ bezeich­nen die Fest­ge­nom­me­nen eben­so als „Deutsch-Tür­ken“ wie das tür­ki­sche Blatt „Hür­ri­y­et“. Die­ses berich­tet von:

 „vier jun­gen deutsch-tür­ki­schen Män­nern aus Bad Hers­feld in Hes­sen“

und nennt sogar deren Vor­na­men:

Ser­hat K., 23 Jah­re alt, Azad K., 22 Jah­re alt, Yakub, 21 Jah­re alt und Baran D., 19 Jah­re alt“ 1

Auch Tage spä­ter weicht „Hür­ri­y­et“ nicht von der Bezeich­nung „Deutsch-Tür­ken“ ab und schreibt unter Bezug auf die Aus­sa­ge des Opfers:

… sie räum­te ein, die jun­gen Deutsch-Tür­ken in einer Bar getrof­fen und mit ihnen getrun­ken zu haben.“ 2

Unse­re Kon­sens-Bericht­erstat­ter sehen das natür­lich kom­plett anders. Obwohl sie es zu die­sem Zeit­punkt eigent­lich nicht „bes­ser“ wis­sen kön­nen als ihre spa­ni­schen und tür­ki­schen Kol­le­gen, plat­zie­ren sie die ver­meint­lich „deut­sche“ Her­kunft an jeder erdenk­li­chen Stel­le – am liebs­ten sogar direkt in der Head­line. Hier eini­ge Bei­spie­le:

Zwei tat­ver­däch­ti­ge Deut­sche auf Mal­lor­ca in U-Haft (Welt) 3

Vier deut­sche Urlau­ber fest­ge­nom­men (BILD) 4

Vier Deut­sche wegen Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­wür­fen fest­ge­nom­men (Spie­gel) 5

Deut­sche sol­len 18-Jäh­ri­ge auf Mal­lor­ca ver­ge­wal­tigt haben (Stern) 6

Wörter zählen

Doch es kommt noch bes­ser. Durch­sucht man die ein­zel­nen Arti­kel nach dem Schlag­wort „deutsch“, fin­den sich sat­te 22 Über­ein­stim­mun­gen. Gibt man hin­ge­gen „türk“ ein, wird es zap­pen­dus­ter – kein ein­zi­ges Mal lässt sich die­ses Wort­frag­ment aus­fin­dig machen – weder im Stern, noch beim Spie­gel, in Bild oder anders­wo – „türk“ kommt ein­fach nicht vor.

suchworte
Der Begriff “deutsch” fin­det sich auf die­ser Sei­te 22 Mal. Hin­ge­gen sucht mal “türk” ver­ge­bens. 7

Sämt­li­che Sei­ten (gemeint sind die eta­blier­ten Redak­ti­ons­sei­ten im Inter­net, die oft all­zu blau­äu­gig als „Qua­li­täts­me­di­en“ bezeich­net wer­den) lie­fern durch die Bank ähn­li­che Ergeb­nis­se. Nun muss man sagen, dass nicht alle gefun­de­nen Über­ein­stim­mun­gen direkt im Arti­kel auf­tau­chen, da auch Datei­pfa­de, Hin­wei­se auf ande­re Berich­te und dergl. gefun­den wer­den. Zieht man jedoch jene ab, die weder im Fließ­text noch in der Head­line vor­kom­men, blei­ben den­noch min­des­tens 10 „deutsch“-Funde.

Zehn­mal „Deutsch“ in einem ein­zi­gen Bericht – und das nur, um die „ver­meint­li­che“ Her­kunft der Fest­ge­nom­me­nen zu beschrei­ben. Ist das nötig? Selbst am Mon­tag, den 08.07. (immer­hin vier Tage spä­ter) ist der gebets­müh­len­ar­ti­ge Vor­trag noch immer nicht been­det. „Der Wes­ten“ bei­spiels­wei­se titelt:

Drei deut­sche Tou­ris­ten, die an einer Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung betei­ligt waren …“

und

… vier ver­däch­ti­ge Deut­sche …“ 8

Auch Welt und Focus sehen, genau­so wie RTL, noch immer kei­ne Ver­an­las­sung, die Über­flu­tung ihrer Leser­schaft mit dem Her­kunfts­be­griff zu stop­pen. Sogar am Mon­tag, den 08.07. heißt es noch:

Zwei Deut­sche sit­zen auf Mal­lor­ca … in Unter­su­chungs­haft.“ (Welt) 9

…zwei der vier fest­ge­nom­me­nen tat­ver­däch­ti­gen Deut­schen …“ (Focus) 10

Zwei deut­sche Urlau­ber sit­zen auf Mal­lor­ca in Unter­su­chungs­haft.“ (RTL) 11

Moralisch verwerflich

Nun kann man mir nach­sa­gen, dass ich einen rie­si­gen Auf­riss auf­grund der doch so harm­lo­sen Ver­wen­dung des Wor­tes „deutsch“ mache. Kann sein. Aller­dings gebe ich zu beden­ken, dass die Her­kunft im mög­li­chen Zusam­men­hang mit einer schwe­ren Straf­tat ver­wen­det wird. (Ich will kei­nes­falls behaup­ten, die Fest­ge­nom­me­nen hät­ten sich die­ser Straf­tat schul­dig gemacht. Dazu kann ich nichts sagen, das müs­sen die Ermitt­ler klä­ren.)

Ich hal­te den Auf­riss jedoch für unbe­dingt ange­bracht. Denn ihr, die Moral­apos­tel aus Funk und Fern­se­hen, pre­digt stän­dig, wie unwich­tig doch die Her­kunft sei und dass es über­haupt kei­ne Rol­le spie­le, woher jemand kommt – Haupt­sa­che, alles sei schön bunt. Wie kann es da sein, dass ihr „deutsch“ gera­de­zu mit der Gieß­kan­ne ver­spritzt – ohne zu wis­sen, ob die Täter wirk­lich Deut­sche sind – oder Tür­ken – oder Ara­ber – oder Uzbe­ken? Für euch sind es Deut­sche – und das wie­der­holt ihr so lan­ge, bis wir müde wer­den, dar­an zu zwei­feln.

Wenn es Deut­sche sind, dann schreibt es auch! Schreibt es ein­mal, zwei­mal, dann ist gut. Aber war­um schreibt ihr es, bis wir alle es mit­sin­gen kön­nen? War­um schreibt ihr nicht „Deutsch-Tür­ken“? Eure Kol­le­gen in Spa­ni­en und der Tür­kei kön­nen es doch auch. War­um schreibt ihr nicht „Tür­ken“ oder „mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund“? War­um schreibt ihr noch nicht ein­mal: „Wir wis­sen es noch nicht, wir müs­sen erst die Ermitt­lun­gen abwar­ten“? Wollt ihr euch in unse­re Gehir­ne bren­nen? Oder schreibt ihr es, weil ihr es könnt? Weil ihr glaubt, die Macht über das geschrie­be­ne Wort zu haben? Täuscht euch nicht! Ihr habt gar nichts! Offen­bar noch nicht mal mehr so etwas wie Berufs­eh­re!

Wer ist deutsch?

Außer­dem stellt sich die Fra­ge: Was macht einen Men­schen zum Deut­schen? Ein Pass? Ein Stück Papier, von dem der Bun­des­ad­ler prangt; auf dem „Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land“ steht? Ist es nicht viel mehr die kul­tu­rel­le Geschich­te eines Men­schen, sei­ne ethi­sche Wert­vor­stel­lung, sei­ne Moral, sein Gesell­schafts­bild, sein Umfeld? Klar ist: Wer einen deut­schen Pass bekommt (und das geht ja hier­zu­lan­de mit­un­ter ver­dammt schnell), der ist Bun­des­bür­ger. Dar­an zweif­le ich nicht. Aber ist er damit auch auto­ma­tisch Deut­scher? (Das ist übri­gens kei­nes­falls als Wer­tung zu ver­ste­hen.)

System-Journalismus?

Nun wird ja gern abge­wun­ken, wenn kri­ti­sche Men­schen von Sys­tem­me­di­en und Kon­sens­jour­na­lis­mus spre­chen. Man ist gera­de­zu „unglaub­wür­dig“, wenn man behaup­tet, die Redak­tio­nen die­ses Lan­des hät­ten sich unter­ein­an­der abge­spro­chen. Wer so etwas behaup­tet, ist ja nicht nur ultra-rechts, will nicht nur die Gesell­schaft spal­ten, son­dern gilt ganz ohne Zwei­fel als Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker. Doch wie wahr­schein­lich oder unwahr­schein­lich ist das eigent­lich mit der Ver­schwö­rungs­theo­rie?

Um die­se Fra­ge zu beant­wor­ten, müs­sen wir uns zur Quel­le bege­ben: Nicht sel­ten schlägt zunächst die DPA, also die Deut­sche Pres­se­agen­tur mit einem Arti­kel auf, der anschlie­ßend von zahl­lo­sen Redak­tio­nen genutzt wird. Schließ­lich hat die DPA etwas zu ver­kau­fen – die Redak­ti­ons­häu­ser zah­len Geld dafür und nut­zen das Pro­dukt anschlie­ßend – idea­ler­wei­se gewinn­brin­gend. Man­che bear­bei­ten den Arti­kel noch, ande­re geben ihn unver­än­dert oder nur gering­fü­gig kaschiert an die eige­nen Leser wei­ter. Ist die­ser – ich nen­ne ihn ein­mal „Leit­ar­ti­kel“ – nun gespickt mit „Deutsch“, füh­len sich die Mit­ar­bei­ter nach­ran­gi­ger Redak­ti­on nicht im Gerings­ten ver­an­lasst zu sagen: „Nee, da steht aber zu oft „deutsch“ drin – da strei­che ich mal ein paar raus.“ Denn was aus der Feder der DPA stammt, kann ja eigent­lich nicht falsch sein, oder? Also lass ich es drin, dann kann ich es gegen­über mei­nem Chef gut ver­tre­ten.

Ach ja, die DPA

Wer­fen wir einen Blick auf die DPA. Oft ist sie es, die (freund­lich for­mu­liert) „bedenk­li­che“ Inhal­te in Umlauf bringt. Denn die DPA ist ja kei­ne zutiefst seriö­se Treu­hand oder etwas in der Art ist, son­dern eine GmbH. Das allein ist noch nicht ver­werf­lich. Kri­tisch ist aller­dings die Tat­sa­che, dass die Gesell­schaf­ter die­ses Unter­neh­mens selbst Medi­en­un­ter­neh­men, Ver­la­ge und Rund­funk­an­stal­ten sind. Damit sind die Kun­den der DPA zum gro­ßen Teil ihre eige­nen Gesell­schaf­ter. Übri­gens wer­den Antei­le an der DPA bei­spiels­wei­se gehal­ten vom NDR, WDR und ZDF.

Inter­es­sant ist auch, dass  die Deut­sche Pres­se­agen­tur bereits mehr­fach in die Kri­tik gera­ten ist – unter ande­rem wegen (Zitat)

Ver­brei­tens unge­prüf­ter Falsch­mel­dun­gen“

und ihnen eine (Zitat)

zu gro­ße Regie­rungs­nä­he und ent­spre­chen­de Fär­bung der Bericht­erstat­tung“

vor­ge­wor­fen wird. Die Otto Bren­ner Stif­tung (immer­hin nach eige­nen Anga­ben die „Wis­sen­schafts­stif­tung der IG Metall“) wirft der DPA im Zusam­men­hang mit der Bericht­erstat­tung in der Finanz­markt­kri­se nicht nur vor, schlecht gear­bei­tet zu haben, son­dern bezeich­net deren Arbeit in einer Stu­die sogar als (Zitat)

hoch defi­zi­tär“. 12

In einem Bericht der Zeit kommt man zu dem Schluss (Ste­fan Zickler/​Manfred Stef­fens), die DPA sei (Zitat)

nur so frei und unab­hän­gig, wie ihre rund zwei­hun­dert Gesell­schaf­ter es woll­ten.“

Im sel­ben Zusam­men­hang wird die Per­so­nal­aus­wahl der Deut­schen Pres­se­agen­tur mit den Wor­ten kri­ti­siert (Zitat):

… je weni­ger Jour­na­lis­ten aus­ge­tauscht zu wer­den brau­chen, des­to leich­ter gelingt die Gleich­schal­tung.“

Fazit

Und somit sind wir (ohne es wirk­lich gewollt zu haben) beim The­ma Gleich­schal­tung ange­langt. Man kann dar­über spe­ku­lie­ren, man kann sie für real hal­ten, man kann sie auch anzwei­feln. Sicher geht kein Redak­ti­ons­lei­ter hin und befiehlt sei­nem Mit­ar­bei­ter, was genau er (oder sie) zu schrei­ben hat. Aber schreibt er wirk­lich unab­hän­gig? Oder denkt er zumin­dest kurz dar­über nach, ob es viel­leicht „sinn­vol­ler“ sein könn­te, dem Duk­tus der Deut­schen Pres­se­agen­tur zu fol­gen? Falls nicht, lie­be Jour­na­lis­ten, was bit­te­schön soll dann die­se gräss­li­che „Deutsch“-Überschwemmung in den Mal­lor­ca-Arti­keln? War­um blei­ben Migra­ti­ons­hin­ter­grün­de in Bericht­erstat­tun­gen außen vor, wäh­rend „deutsch sein“ gera­de­zu ver­heizt wird? Hat seriö­ser, frei­er Jour­na­lis­mus das nötig? Wirkt da viel­leicht der Migra­ti­ons­pakt? Oder habt ihr Jour­na­lis­ten ein­fach nur auf­ge­hört Jour­na­lis­ten zu sein?

Quellen: